Was deine Leser lockt – jenseits von Neuigkeiten

  • Deinen Artikeln Individualität einhauchen
  • mit deinem Blick, deiner Haltung & Handwerk

In unserer Branche schreibt fast jeder. Von Grund auf neu ist kaum etwas davon. Ginge es nur darum, könnten wir uns den größten Teil des Schreibens sparen.

Trotzdem lesen die Leute. Sie lesen sogar viel. Fragt man sie nach dem „Warum“, geben sie meist an, sich informieren zu wollen. Eine nebulöse Aussage, denn „sich informieren“ kann viel bedeuten: einen anderen Blickwinkel einnehmen; ein Wort finden für das, was sie bewegt; die eigene Meinung prüfen; den Wissensstand abgleichen oder Beispiele kennenlernen, wie man Hürden bewältigt.

Es gibt noch mehr Gründe zu lesen: Die Leute wollen unterhalten werden. Sie mögen den Stil eines Autoren oder den Autoren selbst. Und für unsere Beraterzunft wichtig: Sie lesen, weil sie wissen wollen, wie wir ticken. Wie wir an ein Thema herangehen. Sie wollen ein Bild davon gewinnen, wie es sein wird, mit uns zu arbeiten.

Bleibt also festzuhalten: Neuigkeiten sind prima.
Jenseits dessen gibt es jedoch noch viele andere Gründe für das Lesen.

Deshalb lohnt sich das Schreiben. Und es lohnt sich, über den persönlichen Blick, die Haltung und das Handwerk nachzudenken. Denn aus meiner Sicht entscheiden sie darüber, ob aus Einmal-Lesern Stammleser werden.

Der persönliche Blick

Menschen sehen die Welt mit unterschiedlichen Augen. Eine banale Feststellung für Trainer, Berater und Coaches: Jeder hat seine Prägung, seinen Hintergrund, seine Veranlagung.

Der persönliche Blick entscheidet darüber, wie du dein Thema gestaltet: Wenn du etwa über Konflikte zwischen Führungskraft und Mitarbeiter schreiben willst, kannst du unterschiedliche Schwerpunkte setzen.

Du kannst

  • einen differenzierten Blick auf die Gemengelage aus Ängsten und Erfahrungen auf beiden Seiten werfen und um Verständnis für die heftigen Reaktionen werben
  • eine überraschende Lösung für den Konflikt vorstellen
  • Chancen aufzeigen, wie zwei Gegner in einer verfahrenen Lage Verbindung herstellen und den Weg zur Einigung ebnen können
  • über die Kunst schreiben, miteinander zu streiten und eine Meinung zu vertreten – und zugleich Zeichen von Loyalität zu senden, um die Auseinandersetzung auf einer gedeihlichen Ebene zu halten
  • zeigen, wie eine sorgfältige Analyse der Aussagen zum Kern des Konflikts und letztlich zur Lösung führt
  • darüber sprechen wie es gelingt, auch im Streit das Gesicht zu wahren. Die Würde zu verlieren, ist gerade für Führungskräfte fatal
  • einen Weg zeigen, wie du im Streit die Führung über den Gesprächsverlauf gewinnst und die Diskussion in die gewünschte Richtung lenkst.

Welcher Blick kommt deinem am nächsten?

Du willst noch mehr Ideen? Du kannst das Ganze mit Methoden und Techniken aus NLP, Rhetorik, Schlagfertigkeit oder Impro-Theater mixen. Die Vielfalt steigt noch einmal, wenn du eine zeitliche Dimension hinzu nimmst: die Stufen eines Konflikts vom Beginn bis zur Eskalation.

Ich meine: Wir sind alle Persönlichkeiten und haben unseren Blickwinkel ausgeprägt. Wir sollten darauf vertrauen und uns unsere Handschrift bewusst machen, damit wir damit arbeiten können. Es ist alles da.

Stimmung und Haltung

Einmal habe ich mich bloggend auf ein Streitgespräch eingelassen. Es hat mich mitgenommen – zugegeben. Wirklich verblüfft war ich allerdings als mir eine Stammleserin genau das spiegelte. Dabei hatte ich mir viel Mühe gegeben, sachlich zu bleiben.

Dass wir beim Sprechen mit Körper und Stimme vielschichtig kommunizieren, weiß jeder. Dass dies auch für das Schreiben gilt, ist weniger bekannt.

  • Der distanzierte, vielleicht unnahbare, vielleicht ungeübte Autor gibt sich durch seine formale Argumentation zu erkennen. Er mischt wenig Emotionen ein und verwendet viele passive Ausdrücke oder Formulierungen mit -heit oder -keit.
  • Der Typ „Mutti“ oder „Oberlehrer“ versorgt uns mit reichlich Ratschlägen nach dem Motto: Tu dies! Tu das! Lass das!
  • Beim Schaumschläger ist alles ganz, ganz großartig! Nie dagewesen! Elefantös! Seine Artikel garniert er großzügig mit zahllosen Ausrufezeichen!!!

Das Alter eines Autoren erkennst du an der Wortwahl. Ob er sein Thema verstanden hat, verrät die Struktur der Sätze: Verschwurbelte, verschachtelte Sätze deuten auf eingeschränkten Durchblick hin. Oder er will sich wichtig machen. War der Autor beim Schreiben in guter Verfassung, hat der Artikel ein gutes Tempo. Er wirkt geschlossen und durchdacht.

Ich erinnere mich an einen Artikel, der einen enttäuschten Zyniker erkennen ließ.

Du kannst deine Leser nicht täuschen. Deshalb glaube ich ernsthaft, dass ein bisschen Fitness und Seelenhygiene dem Schreib-Ergebnis gut bekommen. In Sachen Haltung helfe ich mir damit, dass ich mir beim Schreiben einen Kunden vorstelle: Würde ich so auch mit ihm reden können? Dann passt es.

Gut gemacht

Bei der Vorbereitung dieses Artikels habe ich einen Satz gefunden:

„Ausgemachtes Ziel für alle Teilnehmer ist auf jeden Fall, am Ende unserer gemeinsamen Woche einen erprobten und immer wieder verwendbaren Allzweck-Gesprächsleitfaden zu haben, der endlich Ruhe und Routine in das stets dringliche Thema Mitarbeitergespräche bringt.“

Der Autor will seine Leser emotionalisieren. Eine gute Idee, finde ich. Doch er hat zu viel aufgelegt: Die Einschübe und Doppelungen überfordern die Verarbeitungskapazitäten des Lesers. Mein Vorschlag lautet:

„Ein Plan für alle Fälle: Das ist das ausgemachte Ziel unserer gemeinsamen Woche. Damit in Sachen Mitarbeitergespräche endlich Ruhe ist.“

Eine radikale Vereinfachung. Das ist eben so mein Stil. Kann man machen, muss man nicht. Meine Idee war die: Der Anfang und das Ende einer Aussage genießen die höchste Aufmerksamkeit. Deshalb steht „Ein Plan für alle Fälle“ am Anfang und „Ruhe“ am Ende. Das sind die beiden wichtigsten Aussagen.

Was ich sagen will, ist dies: Schreiben ist auch Handwerk und damit erlernbar. Sich mit Werkzeugen zu beschäftigen, hilft dir, deine Gedanken in die Welt zu tragen. Facebook, Instagram, YouTube & Co. stehen keineswegs im Widerspruch dazu. Es sind die begleitenden Texte, die deine Follower einladen, deine Videos anzusehen. Es sind deine Kommentare, die deine Fotos bei Instagram in einen Zusammenhang stellen. Je kürzer deine Texte ausfallen, desto treffsicherer musst du deine Worte wählen.

 

 

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