Gut ist, was in der jeweiligen Situation funktioniert, und gelegentlich weicht das Gute deutlich von dem ab, was wir in der Schule gelernt haben.

  • Ein guter Text ist einer, der seine Leser in ihrer Situation und bei ihren Erwartungen abholt. Viele Varianten sind denkbar.
  • Mit Empfehlungen für Blog-Artikel

Vor ein paar Monaten habe ich einen Texter-Kurs „Portraits schreiben“ besucht. Der Dozent war ein Journalist der Süddeutschen, der für die Wochenendausgabe Portraits schreibt. Sein Leser ist der Genussleser mit Zeit und Muße. Mit seinen Portraits will er ihn unterhalten und eine gute Zeit verschaffen.

Lesen einfach so aus Spaß – das hat mich irritiert. Wo liegt der Lesernutzen? Ich habe mehrfach danach gefragt. Erst mit Abstand ist mir klar geworden, wie grundsätzlich sich seine von meiner Arbeit unterscheidet.

Den Leser abholen

Meine Welt ist die der Online-Texte. Online-Leser nehmen sich wenig Zeit: Ganze 1,5 Sekunden gönnen sie sich für die erste Orientierung. Hat die Überschrift ihre Erwartung erfüllt, steigen sie ein. Manchmal überfliegen sie nur die Überschriften und lesen gezielt, was sie interessiert.

Die Leser steuern eine Seite an, weil sie etwas suchen. Das ist wichtig, zu wissen: Sie haben etwas aufgefangen, das ihre Neugier geweckt hat. Mit dem Text sind sie zufrieden, wenn er liefert, was sie sich vorgestellt haben.

Online-Texte sind gut, wenn sie die Fragen der Leser beantworten, wenn sie übersichtlich und leicht zu lesen sind.

Andere Texte haben andere Aufgaben. Denken Sie etwa an die Songtexte von Udo Lindenberg. Sie erfüllen den Wunsch nach Emotionen und Geschichten. Mit sauber formulierten Zwischenüberschriften hat Udo Lindenberg wenig zu tun, wohl aber mit Songs, die die Fantasie wecken und das Herz berühren. Oder nehmen Sie Gedichte: Weder sind sie übersichtlich noch leicht zu lesen. Dennoch haben Gedichte ihre Liebhaber. Die Welt der Texte ist vielfältig: Gut ist, was den Leser bei seiner Erwartung abholt.

Stil, Sprache

Was genau ist guter Stil? Mir fällt ein Roman von José Saramago ein: „Das Memorial“. Auf 460 Seiten lässt der Autor seinen Leser an seinem Gedankenstrom teilhaben. Saramago lässt seine Gedanken fließen – verwickelt, abgründig, ungeordnet, assoziativ, eigenwillig, manchmal böswillig, oft witzig – so wie es jeder von uns aus Selbstgesprächen und Tagträumen kennt. Die Sätze sind oft zwölf Zeilen lang und länger. Das Buch habe ich geliebt, obwohl der Autor so ziemlich das Gegenteil von dem tut, was ich über gute Texte gelernt habe.

Auch hier gilt: Was richtig ist, bestimmen Situation und Leser. An einem regnerischen Wochenende lasse ich mich gerne auf barocke Sprachkunst ein. Wenn ich eine Gebrauchsanleitung lese, sind mir Stichpunkte unterstützt von Piktogrammen lieber. Hätte Herbert Grönemeyer auf seinen Deutschlehrer gehört, hätte er niemals seinen Hit „Flugzeuge im Bauch“ geschrieben. Ein dickes, rotes „A“ für Ausdruck hätte den Rand seines Manuskripts geziert. Mit einem derart schiefen Bild wäre er nie durchgekommen.

Stil und Sprache im Netz

Im Netz kommt es auf leicht verständliche Texte an. Den Empfehlungen von Journalisten zu folgen, ist sinnvoll. Über Jahre haben sie ausprobiert, was bei Sachtexten gut funktioniert.

Humorvoll, erhellend und großartig zu lesen ist „Deutsch!“ von Wolf Schneider. Kompakter führt Aurel Gergey in leicht lesbare Texte ein. Sein E-Book umfasst 50 Seiten. Noch kürzer sind die Hinweise für Rechtschreibung und Stil von „Sprachpingel“ Juliane Topka.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Verwenden Sie einfache Sätze: Die deutsche Sprache neigt – gerade zum Leidwesen ausländischer Studierender – zu Verschachtelungen, die, wenn wir nicht höllisch aufpassen, zu einem völlig undurchsichtigen Wirrwarr führen, unmöglich zu lesen und zu verstehen. Ein ausgewogener Mix aus etwas längeren und kurzen Sätzen liest sich gut. Nur verschachtelte Sätze sind wirklich nicht zu empfehlen.
  • Nominalstil: Wörter mit Endungen auf -ung, -heit und-keit sind typisch für Behördendeutsch. Ein einzelnes ung-Wort verdirbt noch nicht Ihren Text. Vermeiden Sie jedoch Anhäufungen.
  • Fremdwörter: Ganz vermeiden lassen sich Fremdwörter nicht. Dennoch versuche ich sie zu ersetzen, wo es geht. Auch wenn englische Sprachkenntnisse weit verbreitet sind, ist das Deutsche für Deutsche immer in bisschen einfacher. Im Netz gilt generell: „Don’t make me think.“
  • Ungenaue Aussagen: Ihr Leser ist Ihnen für präzise Angaben dankbar. Mit Zahlen und Fakten wirken Sie glaubwürdiger als mit nebelhafter „langjähriger Erfahrung“ und „substanziellen Erfolgen“.
  • Passiv: Passiv-Formulierungen verschleiern, wer handelt und wer verantwortlich ist. Aus Ihrer Trainings- und Coachingpraxis kennen Sie das. Wenn einer sagt: „Man müsste mal wieder …..“, dann wissen Sie, dass nichts passieren wird. Auch für Texte sind Passiv-Formulierungen unschön. Schreiben Sie lieber aktiv.
  • Negativ-Aussagen: Am besten vermeiden Sie Formulierungen mit Worten wie „kein“, „nicht“, „schwierig“, „Konflikte“ und „Probleme“. Auch wenn Sie erklären wollen, dass sie Probleme aus der Welt schaffen, rufen Sie sie erst einmal ins Bewusstsein.

Form

Ein Blog-Artikel hat eine andere Form als ein Blog-Kommentar, eine statische Seite auf der Website, ein Werbebrief, eine Nachricht oder ein Fachartikel. Die Formen haben sich als Konventionen eingebürgert, weil sie für den Leser in seiner jeweiligen Lese-Situation sinnvoll sind. Wer mit seinem Text sein Ziel erreichen will, tut gut daran, die Regeln zu beachten. Sie sind nichts anderes als verdichtete Erfahrung.

Für Blogartikel empfiehlt sich aktuell als Form:

  • Längere Texte sind besser als kürzere. Vor fünf oder sechs Jahren waren Blog-Artikel im Umfang von 350 Wörtern ein gutes Maß. Heute dürfen es gerne 900 Wörter sein.
  • Das Wichtige kommt an den Anfang. Die Empfehlung gilt schon lange, denn nur selten werden Texte bis zum Ende gelesen. Vergleichsweise neu sind Kurz-Zusammenfassungen am Anfang des Artikels, so wie Sie es auch hier sehen. Der Leser erfährt schon zu Beginn, was er bekommt und ob sich die Lektüre für ihn lohnt.
  • Seien Sie großzügig mit Absätzen. Alle 1.000 Wörter oder 12 Zeilen dürfen Sie eine Zwischenüberschrift einziehen. Fassen Sie schon in den Überschriften die wichtigsten Aussagen zusammen. Viele Leser scannen die Überschriften und steigen in die Absätze ein, wenn sie dort glauben zu finden, was sie suchen.
  • Google schätzt ungeordnete Listen. Wenn es inhaltlich passt, bauen Sie Bullet-Points ein.
  • Keywords in hoher Dichte und ohne Nutzen für den Leser, schätzt Google überhaupt nicht. Die Google Updates der letzten Jahre weisen eindeutig in eine Richtung: Google will für seine Leser hochwertige und nützliche Texte haben. Google ist in der Lage, den Kontext eines Artikels zu erkennen. Taschenspielertricks mit Suchworten in Überschrift, Subhead, H2-Überschriften und Meta-Descriptions sind überholt.

Ein guter Text ist einer, der seine Leser bei ihren Erwartungen und in ihrer Situation abholt. Die Rolle des Deutschlehrers, der die ganzen „dummen“ Autoren mit erhobenem Zeigefinger auf Rechtschreibung und Stil hinweist, liegt mir nicht.

Bei Online-Texten komme ich auf das Journalisten-Deutsch zurück, weil es leicht zu lesen ist. Es ist jedoch nur ein kleiner Teil in der vielfältigen Welt der Texte.

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Update des Artikels vom 6. August 2010

 

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