Sommer-Camp

Vier Wege zu einer genderneutralen Sprache und ein Ausblick

Gästin, also wirklich!“, empört sich meine Freundin, „der Plural von ‚Gästin‘ ist übrigens ‚Gästininnen‘.“, und setzt noch einen drauf: „Bei der Bundeswehr wehren sich Soldatinnen dagegen, zu Hauptfrauen befördert zu werden.“ Der Versuch, politisch alles richtigzumachen, treibt zuweilen merkwürdige Blüten.

Um das Gendering drücke ich mich schon lange herum. Dabei geht es um etwas Wichtiges: Die Sprache prägt unser Weltbild. Sie entwirft Bilder, wer wir sind und wer wir zu sein haben. Wenn Menschen wie ich nicht an die Kraft der Sprache glauben, wer sonst?

Gut lesbare Texte mag ich allerdings auch (siehe auch: Leser lieben leichte Texte). Eine Legasthenikerin berichtete von ihren Schwierigkeiten, mit solchen Formen umzugehen. So geht das manchmal: Die gendergerechte Sprache schließt viele ein und manche aus.

Welche Möglichkeiten hast du? Hier sind vier Wege, mit dem Gendering in Texten umzugehen:

Variante #1: Gendering mit Zeichen

Das Gendering mithilfe von Buchstaben und Zeichen ist weit verbreitet. Du findest diese Varianten:

  • Künstler und KünstlerIn
  • Künstler und Künstler*in
  • Künstler und Künstler/in
  • Künstler und Künstler-in
  • Künstler und Künstler(in)
  • Künstler und Künstler:in

Von allen Varianten ist die mit dem Doppelpunkt die empfehlenswerteste, denn sie ist weitgehend barrierefrei: Sprach-Ausgabe-Programme übersetzen den Doppelpunkt mit einer kleinen stimmlosen Pause, einem Glottischlag.

Der Doppelpunkt schließt Männer, Frauen, das dritte Geschlecht und Menschen mit Behinderungen ein, etwa Sehbehinderte.

  • Vorteil: Texte mit Gender-Zeichen machen die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein des/der Autor:in deutlich. Sie sind eindeutig darin, alle gesellschaftlichen Gruppen gleichzubehandeln. Wichtig ist dies zum Beispiel bei Stellenanzeigen.
  • Nachteil: Für einige Gruppen ist es schwierig, die Gender-Zeichen richtig zu interpretieren. Längere Texte wirken aufgebläht, da nicht nur die Substantive, sondern auch die vorangehenden Artikel angepasst werden müssen.

Variante #2: Gendering mit Doppelnennungen

Doppelnennungen sind manchmal die einzige Möglichkeit, genderneutral zu texten, weil das Deutsche keine anderen Varianten bereithält. Doch die Ergebnisse können kurios ausfallen: Die Anrede für meine bevorzugten Kunden „Trainer, Berater und Coachs“ fällt ohnehin umfangreich aus. Die Form „Trainer und Trainerinnen, Berater und Beraterinnen, Coachs und Coach-Frauen“ schlägt dem Fass den Boden aus. Zudem bleibt das dritte Geschlecht ausgeschlossen.

  • Vorteil: Dazu fällt mir ehrlich nichts ein. Manchmal geht es nicht anders.
  • Nachteil: Bläht den Text auf. Macht ihn unleserlich.

Variante #3: Aneignung

Weshalb müssen wir das Geschlecht betonen? Macht eine Ärztin in Ausübung ihres Berufs etwas anderes als ein Arzt? Wie unterscheidet sich ein Trainer von einer Trainerin? Ein Ingenieur von einer Ingenieurin? Viele Rollen und Funktionen sind vom Geschlecht unabhängig. Die deutsche Sprache sieht für solche Fälle das „generische Maskulin“ vor. Allerdings zementiert die männliche Sprache das althergebrachte Weltbild.

Es gibt einen Fall, in dem es sich für Frauen empfiehlt, sich das Maskulin anzueignen: Es geht um die Suchbegriffe in den sozialen Medien, zum Beispiel bei Xing. Viele Kunden suchen einen „Texter“ oder „Trainer“, denken jedoch nicht an eine „Texterin“ oder „Beraterin“, sodass sich Frauen mit der weiblichen Form systematisch aus der Recherche ihrer möglichen Kunden ausschließen.

  • Vorteil: Geübt, gewohnt. Steht in Einklang mit der gelernten Grammatik.
  • Nachteil: Das maskuline Weltbild bleibt unhinterfragt.

Variante #4: Praktisch ohne Perfektionsanspruch

In meinen Texten versuchen ich den Ausgleich und gebe zum Beispiel Chefinnen und Ärztinnen den gleichen Raum wie ihren männlichen Kollegen. Bei der Uni München habe ich einen übersichtlichen Leitfaden für eine genderneutrale Sprache gefunden. Hier ist eine Auswahl aus den Empfehlungen:

Substantivierung von Verben

„Studentinnen und Studenten“ werden zu „Studierenden“.
„Mitarbeiter“ werden zu „Mitarbeitenden“.

Sprache: ++- O.K. Kann man machen.

Plural statt Singular

Der „Interessent“ wird zu „Interessierte“.
Der „Coaching-Klient“ wird zu „Coaching-Klienten“.

Sprache: +++ Passt. Geht in Ordnung.

Unpersönliche Pronomen

„Abteilungsleiter“ werden zu „alle, die Leitungsaufgaben übernehmen …“ oder „Wer Leitungsaufgaben übernimmt, …“.
Der „Coach“ wird zu „alle, die coachen …“ oder „Wer coacht, …“.

Sprache: +++ Passt.

Direkte Anrede

„Kunden haben die Wahl …“ wird zu „Sie haben die Wahl …“.

Sprache: +++ Sehr schön!

Verben statt Substantive

„Teilnehmer“ werden zu „alle, die teilgenommen haben …“.

Sprache: +++ Schön.

Adjektive

„Beratung durch den Arzt“ wird zur „ärztlichen Beratung“.

Sprache: ++- Von wem wird die ärztliche Beratung durchgeführt? Von einem Computer? Vorsicht: Diese Form kann unpersönlich wirken.

Neutrale Formen

„Assistentin“ wird zur „Assistenz“.

Sprache: ++- Auch hier geht der Mensch verloren.

Endungen mit –kraft, -person, -berechtigte, -ung, -hilfe

Der „Wähler“ wird zum „Wahlberechtigten“.
Der „Chef“ wird zur „Führungskraft“ oder zum „Entscheidungsberechtigten“.

Sprache: +– Schwierig: Vorsicht vor Behördendeutsch! Worte auf -ung, -heit und -keit lassen Texte unpersönlich und hölzern wirken.

Die pragmatische Herangehensweise ist keinesfalls perfekt. Als Autorin muss ich mir zu jeder Zeit der Gender-Frage bewusst sein und nach sprachlichen Lösungen suchen. Mit etwas Übung lassen sich Texte einigermaßen genderneutral gestalten, ohne die Lesefreundlichkeit zu verletzen.

  • Vorteil: Lesefreundlich
  • Nachteil: Unvollständig. Angreifbar bei Stellenanzeigen und anderen Texten, die einer juristischen Prüfung standhalten müssen. Manche genderneutralen Formen sind sprachlich unschön.

Weshalb mehr dazu gehört als eine korrekte Form

Schreibst du deine Texte bereits genderneutral und erreichst dennoch vorrangig männliche, weiße Leser? Möglich, dass sich unbewusste Bilder selbstständig gemacht haben. Doch sieh selbst.

Vom Gesetzesvorhaben zur Einführung der Frauenquote im Vorstand großer Unternehmen geht eine Signalwirkung aus, die Diversity-Initiativen in den Betrieben stärkt. Bei rein männlich besetzten Führungsteams oder Arbeitsgruppen haben die Unternehmen zunehmend mit Legitimationsproblemen zu kämpfen – sowohl intern als auch im Marktauftritt“, berichtet der Fachverlag Haufe in seinem Artikel: „HR-Trends 2021″.

Kein Zweifel: Das Bekenntnis zur Diversity liegt im Trend wie mir auch eine HR-Insiderin bestätigte. Für Unternehmen ist das Bekenntnis zu Offenheit und Vielfalt unumgänglich, wollen sie sich als attraktive Arbeitgeber präsentieren. Nicht immer allerdings stimmen allerdings öffentliches Statement und das interne Weltbild überein. Gerade Stellenanzeigen sind in der Sache ziemlich verräterisch und die Differenz zwischen Sagen und Meinen zeigt Wirkung: Ist die genderneutrale Form eingehalten, fühlen sich noch längst nicht alle eingeladen.

Wie geht das? Auch direkt angesprochen, fühlen sich Frauen nicht angesprochen

Die Wirkung von Sprache in Stellenanzeigen hat Professorin Isabell M. Welpe zusammen mit Prisca Brosi und Tanja Schwarzmüller untersucht. Eines der Ergebnisse: Von der klassischen Titel-Form „Geschäftsführer (m/w)“ fühlen sich Frauen weniger angesprochen als von der Beidnennung „Geschäftsführerin / Geschäftsführer“.

Auch der nachfolgende Fließtext, die Stellenbeschreibung im engeren Sinne, entfaltet subtile Wirkung: „Stellenausschreibungen, die männliche Attribute wie die Autonomie des Positionsinhabers herausstellen, ziehen eher Männer an – während Frauen auf weibliche Attribute wie eine teamorientierte Arbeitsweise stärker reagieren. In Stellenanzeigen sollte daher auf eine ausgeglichene Wortwahl geachtet werden“, heißt es in der Arbeit der Forscherinnen „Wenn Gleiches unterschiedlich beurteilt wird. Die Wirkung unbewusster Vorurteile“.

Texte transportieren das eigene Weltbild

Wer sich mit Texten beschäftigt, den dürfte dies kaum überraschen. Schreiben ist Kommunikation, ebenso wie Sprechen. Wer einen Text publiziert, tut dies, um eine Botschaft zu transportieren. Doch zugleich erzählt er etwas von sich. Beispiel gewünscht?

Liegt der innere Antrieb einer Person eher darin, ein Ziel zu erreichen oder ein Hindernis abzubauen? Geht sie auf etwas zu oder bewegt sie sich weg? Für eine Hin-zu-Motivation sprechen Formulierungen wie „ans Ziel kommen“, „Beachtliches bewerkstelligen“ oder „das Spiel gewinnen“. Weg-von-motivierte Menschen wollen „etwas abbiegen“, „aus der Welt schaffen“ oder „den Riegel vorschieben“.

Die Liste ließe sich verlängern: Denkt ein Mensch in Optionen oder Prozessen? Betont er die Gemeinsamkeiten oder Unterschiede? Interessiert er sich für Menschen oder Dinge? All das lässt sich aus Texten herauslesen (Evelyne Maaß, Karsten Ritschl, Die Sprache der Motivation).

Kein Wunder also, dass sich auch Werte und Weltbilder in der Sprache niederschlagen. Eine Stellenausschreibung, die männliche Attribute betont, kommuniziert damit, dass die Absender diese Attribute bei der erfolgreichen Ausübung der Position für wichtig erachten.

Das mag stimmen oder nicht. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen in eine andere Richtung („Wenn Gleiches unterschiedlich beurteilt wird. Die Wirkung unbewusster Vorurteile„). Wichtig für eine genderneutrale Sprache ist jedoch dies: Die innere Haltung und das Weltbild wirken. Eine offene, respektvolle, einschließende Haltung äußert sich auch in der Sprache. Deshalb kommt der Anspruch „gendergerechte Sprache“ nicht ohne die Frage nach dem Mindset aus.

Geduld, bitte!

In der Praxis stoßen auch diejenigen an ihre Grenzen, die beste Absichten hegen. Zur Vorbereitung dieses Artikels habe ich einen Podcast gehört: „Sprache – wie wir niemanden damit diskriminieren / Talk. Willkommen im Club der LGBTIQ*-Gemeinde“ – ein empfehlenswertes Stück für alle, die mehr wollen, als der Form zu genügen. Aufschlussreich war für mich unter anderem das vorsichtige Tasten der beiden Moderator*innen Kathi Roeb und Julian Wenzel im Versuch, mit ihren Worten niemandem zu Nahe zu treten oder auszugrenzen. Dabei zählen sie sich selbst zur LGBTIQ*-Gemeinde.

Vielen fällt die Diskussion um die genderneutrale Sprache auf die Nerven. Doch ich fürchte, wir sind gerade erst am Beginn der Debatte. Viele Gruppen, die lange geschwiegen haben, fordern in jüngster Zeit Respekt und Anerkennung ein. Nach und nach bekommen wir eine Ahnung davon, wo wir Menschen zurückweisen und diskriminieren. Zudem ändert sich Sprache ständig – eine Binsenweisheit. Doch die genderneutrale und diverse Sprache scheint besonders dynamisch zu sein. Wer weiß, ob wir in fünf Jahren noch über das Gendersternchen diskutieren – oder ob wir uns nicht auf andere Formen verständigt haben. Ich hoffe auf Geduld und Toleranz auf allen Seiten. Für eine wahrhaft genderneutrale Sprache gilt es immerhin, innere Bilder und sicher geglaubte Wahrheiten auszuwechseln.

Ausblick

Die Genderneutralität ist wichtig, doch in den Unternehmen geht es längst nicht mehr nur darum: Diversity heißt der Auftrag – und damit ein diskriminierungsfreier Umgang mit allen Gruppen, seien es Ethnien, Religionsgemeinschaften, Schwarze oder Menschen mit Behinderungen.

Ich bin gespannt, wohin sich die Diskussion entwickelt. Mein Tipp geht dahin, dass wir uns schließlich ganz einfach als Menschen begegnen, auch in unseren Texten. „Aktion Mensch“ folgt diesem Pfad schon eine ganze Weile. Wer Lust hat, findet dort Inspiration.


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